Die wöchentliche Kolumne für TLZ / Eichsfelder Tageblatt: Gleichzeitigkeit sorgt für Hektik
New York wird in einem Lied als eine Stadt beschrieben, die niemals schläft. Ähnlich könnte man auch den Politikbetrieb in der Bundeshauptstadt Berlin beschreiben. Selbst über die Weihnachtstage und den Jahreswechsel gingen im Kanzleramt die Lichter nicht aus. Lange bevor am Dreikönigstag die Sternsinger anklopften, hatten sich zu vielen alten Problemen neue hinzugesellt. Noch ist die europäische Währung nicht im sicheren Hafen, noch immer spielen Banken und Aktienmärkte verrückt, da hat die Kanzlerin mit den Tapsigkeiten des Bundespräsidenten neue Probleme und neue Sorgen.
Der politische Betrieb kennt keine Rücksicht auf Feiertage oder private Termine. So hatte Angela Merkel zur Trauer um ihren verstorbenen Vater gerade mal einen Tag Zeit, da musste sie schon wieder zu Konsultationen nach Paris und anschließend vor die Hauptstadtpresse. Normal ist das nicht und gut ist es sicher auch nicht. Dieses Gehetze und die permanente Überforderung war nicht immer so und hat viel mit der Gleichzeitigkeit der Ereignisse, der weltweiten Vernetzung und dem Mediendruck zu tun.
Früher war das anders und für die Beteiligten vielleicht auch besser.
Reichskanzler Fürst Bismarck blieb monatelang Berlin und seinem Amtssitz fern und zog es vor, von seinem Landgut das Geschehen zu lenken. Nachrichten wurden per Boten übermittelt.
Der erste Bundeskanzler Adenauer zog sich nachmittags zur Rosenzucht und zum Bocciaspiel nach Rhöndorf zurück und konnte noch ungestört Ferien in Cadenabbia am Comer See verbringen. Von seinem Nachfolger Ludwig Erhard wird berichtet, dass ihm wochentäglich die Zeit zwischen 11:00 Uhr und 16:00 Uhr ausreichte, das deutsche Wirtschaftswunder zu steuern.
Willy Brandt plagten gelegentlich Depressionen, so dass er tagelang seine Wohnung nicht verlassen konnte. Von seinem legendären Kanzleramtschef Horst Ehmke wird berichtet, dass dieser dann Willy Brandt aufsuchte mit den Worten: „Willy aufstehen, wir müssen regieren.“ Horst Ehmke soll es auch gewesen sein, der früh morgens auf die Frage seines Fahrers „Wohin, Herr Minister?“ mit dem Satz antwortete: „Egal wohin, ich werde überall gebraucht.“
Aus dieser launigen Formulierung ist Regierungsalltag geworden. Insbesondere die Bundeskanzlerin wird immer und überall gebraucht.
Wünschen wir ihr dazu Gesundheit und Kraft und Zeit, um die wirklichen Probleme zu lösen.



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