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Ausgetwittert: Schweigen nach der Wahl

Aus dem ZDF-Onlineangebot vom 19. Oktober 2009

Wie Politiker nach dem 27. September mit dem Web 2.0 umgehen

von Alfred Krüger

Im Wahlkampf hatten deutsche Politiker das Mitmachweb entdeckt - bei Twitter gaben sie sich die Klinke in die Hand. Vier Wochen nach der Wahl nun Ernüchterung: Viele Twitter-Accounts wirken verwaist. Sie haben den Wahlabend offenbar nicht überlebt.

Wahlkampf 2.0: Viel ist gesagt und noch mehr ist geschrieben worden über Barack Obama und das Web 2.0. Der US-Präsident habe die Wahl gewonnen, weil es sein Wahlkampfteam verstanden habe, die Mittel des Mitmachwebs geschickt zu nutzen, um mit den Wählern online in Kontakt zu treten.

■ Fan-Gemeinden bei Twitter und Co.

„Yes, we can!“, hieß es auch im deutschen Wahlkampf. Politiker aller Parteien twitterten um die Gunst der netzaffinen Wähler. Sie richteten auf YouTube eigene Videokanäle ein und bauten sich mit ihren Profilseiten in Online-Netzwerken wie Facebook und StudiVZ ihre Fan-Gemeinden auf - eine auf den ersten Blick erstaunliche Entwicklung. Denn das Web 2.0 war wie das gesamte Internet für die Mehrheit der deutschen Politiker zuvor ein eher unbekanntes Land.

Es wurde über die Gefahren des Internets für die innere Sicherheit und über „rechtsfreie Räume“ diskutiert, denen man mit stärkeren Kontroll- und Überwachungsmethoden zu Leibe rücken müsse. Die Zahl der Abgeordneten, die auch vor dem Wahlkampf schon im Netz aktiv waren, hielt sich in Grenzen.

■ Eine Diskussion findet nicht statt

Thorsten Schäfer-Gümbel, Vorsitzender der hessischen SPD, und Manfred Grund, parlamentarischer Geschäftsführer der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, gehörten dazu. Grund war einer der ersten CDU-Politiker, die Twitter für sich nutzten. Der CDU-Abgeordnete bringt es bis dato auf über 600 Tweets - so heißen die maximal 140 Zeichen langen Kurznachrichten, die man bei Twitter posten kann.

Grund hat sich bei Twitter zudem ein ansehnliches Netzwerk aufgebaut. Tausend Twitterer haben seine Nachrichten abonniert. Der Politiker selbst folgt knapp 2000 anderen Twitter-Nutzern - sofern er denn Zeit hat, deren Nachrichtensammelsurium tatsächlich zu lesen. Immerhin antwortet der thüringische Politiker zumindest hin und wieder auf die Tweets seiner „Follower“. Eine wirkliche Diskussion entspinnt sich jedoch nicht.

Anders bei Schäfer-Gümbel. Der hessische SPD-Vorsitzende diskutiert gern und oft mit seinen mehr als 3500 „Followern“ - übrigens auch nach der Wahl. Der bis dato letzte Eintrag stammt vom 15. Oktober. Schäfer-Gümbel ist zudem dafür bekannt, via Twitter auch Persönliches zu posten. Sein Eintrag am 10. Oktober: „Überraschung, meine Tochter hat bis 7:30 Uhr geschlafen, es geht voran.“

■ Digitale Schweigsamkeit

Grund und Schäfer-Gümbel gehören wie etwa Volker Beck von den Grünen, Bodo Ramelow von den Linken oder Herrmann Otto Solms von der FDP zu den wenigen Politikern, die Twitter und Co. nicht nur kurzfristig im Wahlkampf nutzten. Demgegenüber scheinen die Twitter-Accounts vieler anderer Politiker heute verwaist. Nach einem Feuerwerk an Tweets in der heißen Wahlkampfphase herrscht digitale Schweigsamkeit - so etwa bei Heidemarie Wieczoreck-Zeul (SPD).

32 Tweets hat die Entwicklungshilfeministerin bisher abgesetzt, davon nur einen nach der Wahl: ein Dankeschön an ihre Wähler. Eine ähnliche Bilanz bei CDU-Kollegin Maria Böhmer, Integrationsbeauftragte der Bundesregierung. Ihr Twitter-Konto hält frühzeitig Winterschlaf. Seit dem 28. September gibt es keine neue Meldung. Selbst Hubertus Heil, SPD-Generalsekretär und anfangs eifriger Twitterer, macht sich nach der Wahl beim Microbloggen rar. 251 Nachrichten hat Heil bisher verfasst, davon magere drei Tweets nach dem 27. September.

■ „Netzwerke nicht aufgeben“

Twitter ist natürlich nicht der einzige Rückkanal, den Abgeordnete zu ihren Wählern haben. „Ihr Offline-Profil schärfen sie in Wahlkreis-Büros und während sitzungsfreier Wochen, zwischen Schützenfest und Infoabend“, meint Klas Roggenkamp von der Berliner Agentur compuccino. Roggenkamp hat mit seinem Webportal wahl.de die Online-Aktivitäten von Parteien und Politikern verfolgt. Sein Fazit: Wo es Politikern während des Wahlkampfs gelungen sei, Netzwerke von Interessierten und Unterstützern aufzubauen, sei es „grob fahrlässig, diese nicht weiter zu pflegen“.

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