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"Wahlkampf virtuell"
Aus Welt online, 9. September 2009
Mit Spots und Spott durch den Wahlkampf
Von Klas Roggenkamp
So kurz vor der Bundestagswahl ist das Fernsehprogramm mit Wahlkampf überfüllt. Spitzenkandidaten haben ihre Wahlkampfstände scheinbar ins Fernsehstudio verlegt. Mittlerweile sind auch die Werbepausen zwischen Auto- und Waschmittelwerbung mit „politischen Inhalten" angereichert.
So kurz vor der Bundestagswahl ist das Fernsehprogramm mit Wahlkampf überfüllt. Spitzenkandidaten haben ihre Wahlkampfstände scheinbar ins Fernsehstudio verlegt. Mittlerweile sind auch die Werbepausen zwischen Auto- und Waschmittelwerbung mit „politischen Inhalten" angereichert. Auf öffentlich-rechtlichen Programmen ist das kostenlos, doch werden dort nicht immer alle parteirelevanten Zielgruppen erreicht, weswegen niemand auf einen Sendeplatz auf den Privatsendern verzichten mag. Nicht jede Partei kann sich das leisten.
Doch auch diejenigen, die wie die Piratenpartei noch keine großen Budgets aufhäufen konnten und ihre Wähler zu Spenden für einen solchen Auftritt aufrufen, möchten das TV kapern. Aktiv gesehen werden die Wahlwerbespots der Parteien jedoch vor allem im Internet, wo diese nicht nur kostenlos auf eigenen Webseiten oder Youtube veröffentlicht und verbreitet, sondern auch bewertet werden. Aus den eigenen Reihen erfahren sämtliche Spots positives Feedback: Die CDU freut sich über die Authentizität ihrer Kanzlerin, die SPD überzeugt sich von sich selbst, die FDP und die Grünen finden sich einfach gut, die Linke vergisst die Verkündung ihres Spots über womöglich wichtigeren TV-Ereignissen, doch alle anderen verteilen die Videos über Twitter schnell von der Parteispitze bis runter zur Basis.
In der heilen Welt der Parteispots ist es aber so langweilig, dass die Redaktion der Abendzeitung twittert: „Wahnsinn: Politikressort kollektiv eingeschlafen! Hatten zuvor neuen CDU-Spot angeschaut“. Auch an anderen Stellen sind die Social-Media-Angebote ein Forum, das zu Kommentaren einlädt - und da wird nicht immer Beifall geklatscht. Stattdessen werden Selbstdarstellungen belächelt und über die Aussagen der politischen Gegenspieler gelästert. Doch geht es dabei bedacht zu: Angriffe erfolgen nur auf Kontrahenten. Mögliche Koalitionspartner werden in der letzten Wahlkampfphase nicht mehr geärgert.
Insbesondere die politische Satire läuft zur Hochform auf. Immer wieder tauchen in den Youtube-Channels der Parteien Videos auf, die die Originalspots des politischen Gegners inhaltlich umwerten und angeblich „die Wahrheit enthüllen“. Doch nicht alle Bloßgestellten mögen diesen Humor: Als Michael Schmelich (Grüne) auf seiner Webseite eine etwas andere Version des sächsischen FDP-Landtagswahlspots veröffentlichte, war der FDP nicht zum Lachen zumute und schickte gleich den Anwalt.
Nicht immer bedarf es einer feindlich gesinnten Manipulation, um für Lacher und Peinlichkeiten zu sorgen. So hat sich Jürgen Rüttgers (CDU) während einer Wahlkampfrede derart ereifert, dass er sich zu unfeinen Beleidigungen von Rumänen und Chinesen hinreißen ließ, was über den Veranstaltungsort hinaus kaum bekannt geworden wäre. Ein Videomitschnitt der Jusos hat ihn dann aber gnadenlos in die Schlagzeilen katapultiert und für einen Beitrag in der von Rüttgers unfreiwillig befüllten SPD-Comedy „Rüttgers Welt“ gesorgt. Eigentlich hätte man hier jedoch von den USA lernen können, wo solche Zwischenfälle gerne im Wahlkampf aufgekocht wurden. Für Rüttgers ist dies aber eher ein weiterer Beitrag im unkritischen Umgang mit Nationalitäten, wie spätestens seit dem Jahr 2000 durch den Slogan „Kinder statt Inder“ hinreichend bekannt ist.
Im Rahmen des Wahlkampfes lässt sich vieles finden, was der zweifachen Echtheitsprüfung bedarf bevor man tatsächlich glauben mag, was man sieht, oder hört. Zum Beispiel dann, wenn der Bundestagsabgeordnete Hartmut Koschyk (CSU) seinen Hund für sich werben lässt. Marzahner Lagerfeueridylle kommt erst recht auf, wenn Rudolf Kujath (SPD) für seinen Wahlkreis eine eigene Version von „Im Wagen vor mir ...“ singen lässt. Ähnlich nostalgisch versucht sich die Junge Union mit einer JU-Hymne, deren nationalistischer Charakter sicher nur ein Zufall ist: „Wir lieben unser Heimatland (...). Wir sind Deutschlands Nummer eins für Freiheit und Gerechtigkeit. Die JU wird immer sein, komm mit und sei dabei.“ Große Politikbegeisterung werden sie damit aber nicht entfachen.
Zwischen Image-Film und Peinlichkeit lassen sich aber tatsächlich interessante neue Formate finden, in denen nicht nur Inhalte sondern auch Spaß an der Sache stecken. Der Channel „BellTV“ des Wuppertaler Oberbürgermeister-Kandidat der SPD Dietmar Bell, die „Video-Depesche“ des Bundestagsabgeordneten Manfred Grund, ebenso wie ThierseTV von Wolfgang Thierse bei Youtube sind Formate, die persönlich sind, ohne Inhalte zu vernachlässigen und die sich absetzen von dem, was man seitens der Parteien gewöhnt ist. Auf diesen Wegen kommen politische Themen nicht nur beim Wähler an, sondern sie machen auch Spaß und zeigen wie man online Bewegtbild menschlicher Distanz abbauen kann.
Je aufwändiger produziert wird desto uncooler und langweiliger werden die Politik-Filmchen. Die schillernden Partei-Wahlwerbespots, die oft mit viel Budget ermöglicht wurden, sind dabei am wenigsten erwähnenswert. Scheinbar kommen die Parteien aber beim bewegten Bild nicht über Hochglanz und Allgemeinplätze hinaus. Die wirklich spannenden Sachen finden nicht im gestylten Fernsehen sondern im Internet statt. Dort wird experimentiert, dort gibt es direktes Feedback, dort findet auch der Schlagabtausch bewegter Bilder statt. Vielleicht trauen sich Parteien und Politiker in Zukunft, sich auch mal auf diese unkonventionelle, schlecht ausgeleuchtete, sicher nicht Full HD-Variante des Wahlkampfes einzulassen.
Aber vielleicht haben Sie das ja schon. Der Kanzlerschaftssong für Frank-Walter Steinmeier gibt Anlass zu Hoffnung: Was auf den ersten Blick nach peinlicher Satire aussieht, entpuppt sich als originell und witzig. Wer nun dahinter steht ist die Frage. Die Gerüchte, dass dieser inoffizielle Song ein Produkt der SPD Wahlkampfzentrale sei, sind vielleicht ein Silberstreif am Horizont. Noch lassen sich die Parteien beim Video-Wahlkampf die Butter vom Brot nehmen.
Quelle: www.welt.de/politik/wahlkampf-virtuell/article4495807/Mit-Spots-und-Spott-durch-den-Wahlkampf.html
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