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"Bratwurst ich komme"
Aus der Wirtschaftswoche vom 23. März 2009
Politiker bei Twitter
Oliver Voß
Die Politik hat das Internet-Phänomen Twitter entdeckt. Zahlreiche Politiker versuchen über den Kurznachrichtendienst Wahlkampf zu machen – doch erfolgreicher sind oft deren satirische Fälschungen.
Die 208. Sitzung des Bundestages war eine turbulente Veranstaltung, an die sich manch Abgeordneter auch künftig noch erinnern wird. Denn am Donnerstag, dem 5. März 2009, gelangte das Phänomen Twitter zum ersten Mal in den Bundestag.
Auf der Tagesordnung stand die Diskussion des Medien- und Kommunikationsberichtes der Bundesregierung. Kulturstaatsminister Neumann pries das Werk als „einzigartiges, wissenschaftlich fundiertes Kompendium“, dass die Medienentwicklung vom Ende der 90er-Jahre bis heute aufzeige. Dabei wird die Entwicklung des Internet zum Web 2.0, dem „Mitmach-Netz“, sehr stiefmütterlich behandelt. Twitter, das meistdiskutierte Medium dieser Tage, oder das soziale Netzwerk Facebook werden in dem 228 Seiten starken Werk an keiner Stelle erwähnt.
Twitter wird bleiben
Doch dafür gibt es Jörg Tauss. Nach diversen Zwischenrufen erklärte der medienpolitische Sprecher der SPD: „Ich bin ein begeisterter Twitterer, benutze Facebook und all die hübschen Dinge, die es da gibt.“
Im Nachhinein erhielten seine Aussagen einen komischen Beigeschmack. Denn im Anschluss an die Sitzung wurden Tauss´ Büros nach kinderpornographischem Material durchsucht.
Die Untersuchungen gegen das Mitglied des Chaos Computer Clubs, der sich wie kaum ein anderer Politiker seit Jahren mit dem Internet befasst, laufen noch. Was auch immer dabei am Ende herauskommt, ob Tauss noch einmal in seine Ämter zurückkehren kann: Twitter ist spätestens seit diesem Tag den meisten Abgeordneten ein Begriff und wird es bleiben.
Inzwischen hat das Gezwitscher auch die Europäische Union erreicht. So wurde EU-Kommissionspräsident Barroso gestern auf einer Veranstaltung gefragt, ob Twitter die Wahlbeteiligung bei der Europawahl erhöhen könne. Berichtet hat es Reinhard Bütikofer, Twitterer der ersten Stunde bei den Grünen. Auch die Reaktion Barrosos: „Bleibt unklar, ob er twitter kennt“.
Inzwischen experimentieren immer mehr Politiker mit dem Kurznachrichtendienst. „In den letzten zwei Wochen gab es einen deutlichen Anstieg“, sagt Klas Roggenkamp, Betreiber der Internetseite wahl.de. Dort werden die Web.2.0-Aktivitäten der deutschen Politik verfolgt und in Übersichten dargestellt. Bereits 12 Prozent der gut 2500 Kandidaten für die Bundestags- und Europawahl in diesem Jahr haben sich bei Twitter registriert, so Roggenkamp.
Kritik und Alltagsbanalitäten
Die Grünen sind dabei besonders aktiv. Volker Beck gilt vielen im Internet als bester Twitterer. „Twitter ist in grüner Hand, die FDP ist stark auf Youtube und die SPD auf Facebook“, sagt Roggenkamp. Die Linkspartei hat sich lange zurückgehalten. Inzwischen gibt es einige Twitter-Profile. Auch Parteichef Gysi bekam eine Einführung. „Gute Sache, ich weiß nur noch nicht, wie oft ich dazu komme“, schrieb er im Februar. Und kam danach noch zu genau einem Eintrag.
Der SPD-Spitzenkandidat im Saarland, Heiko Maas, hat extra einen Blackberry bekommen, um twittern zu können. Auch sein Pendant in Thüringen, Christoph Matschie, ist eifrig dabei. „Bizarre Inszenierung: CDU wählt Althaus in Abwesenheit zum Spitzenkandidaten. Warum warten die nicht, bis er wieder da ist?“ schreibt er da beispielsweise. Und wie es bei Twitter so ist, mischen sich politische Statements mit Alltagsbanalitäten. So twittert Matschie kurz darauf: „So, genug für heute. Jetzt geht's zum Angrillen bei Freunden. Bratwurst ich komme.”
Die Gründe für den Twitter-Boom sind vielfältig. „Man kann schnell Multiplikatoren erreichen“, erklärt Markus Beckedahl, Gründer der Internetberatung Newthinking und mit seinem Blog Netzpolitik.org seit langem Beobachter der politischen Nutzung des Netzes.
Im letzten Wahlkampf musste man ein Blog haben, in diesem twittern. Doch der Mehrwert ist oft dürftig. „In den Blogs wurden Erlebnisaufsätze vom Wahlkampfstand auf dem Marktplatz geschrieben“, sagt Beckedahl. Auch das meiste Politgezwitscher findet er langweilig und belanglos.
Die Politiker experimentieren mit dem jungen Medium und wisse meist selbst noch nicht, wie viel sie davon erwarten können. „Ohne Twitter geht nichts - was mit Twitter geht, muss sich zeigen“, sagt der FDP-Politiker Otto Fricke. Die Möglichkeiten, Wähler direkt anzusprechen und für die Bürger, sich ein persönlicheres Bild von Politikern zu machen und mit diesen in offenen Dialog zu treten, ist durch Twitter sehr groß, wenn man sie nutzt.
Schäfer-Gümbel wurde im Internet berühmt
Die bekanntesten Vorreiter bei Twitter waren der SPD-Generalsekretär Hubertus Heil und Reinhard Bütikofer von den Grünen. Sie schickten im August 2008 Kurznachrichten vom Parteitag der US-Demokraten.
Für die manchmal etwas unbeholfenen Textchen wurde Heil im Netz zwar verspottet . Seither hält sich seine Aktivität bei Twitter auch in Grenzen.
Doch die beiden probierten einen neuen Kommunikationskanal aus. Der hessische SPD-Spitzenkandidat Thorsten Schäfer-Gümbel nützte diesen dann so intensiv als Wahlkampfinstrument wie kein anderer deutscher Politiker. Durch solche neuen Wege wurde „TSG“ in kurzer Zeit vom unbekannten Hinterbänkler zu einer kleinen Internet-Berümtheit.
Schäfer Gümbel liegt auf Platz 21 der deutschen Twittercharts. In der Rangliste der beliebtesten Zwitscherer ist er damit der erfolgreichste Politiker. Noch vor ihm befindet sich allerdings Jakob Mierscheid, eine politische Fantasiegestalt.
Falsche Politiker erfolgreicher als echte
Falsche Identitäten sind ein verbreitetes Phänomen auf Twitter und die Fake-Accounts der Politiker oft erfolgreicher als die echten. Von der Bundeskanzlerin gibt es ganze fünf falsche Twitteridentitäten und keine einzige echte. „Karl-Theodor Maria DingsbumsNikolaus FranzGans Freiherr von zu aufund durch Guttenberg-mit so'n Namen wird der auf 140 Zeichen nix!“ schreibt da das Satiremagazin „Titanic“, als falscher Schäfer-Gümbel. „Ich wüsste ja, wie man die Bankenkrise lösen könnte. Aber mich fragt ja keiner“, twittert der vorgebliche Helmut Schmidt.
Doch neben solchen offensichtlichen Spaßprofilen gibt es viele, bei denen die Identität oft nicht eindeutig ist. So vermeldeten die Marktforscher von Nielsen und einige Nachrichtenagenturen, Franz Müntefering würde twittern. Doch das Profil ist so unecht wie das von Frank Walter Steinmeier. Auf die falsche Claudia Roth fielen sogar bei den Grünen eine Zeit lang einige herein.
Selbst bei den echten Politikern ist manchmal unklar, was sie wirklich selber twittern - und wo Berater oder im Netz versierte Mitarbeiter nachhelfen. So sorgte ausgerechnet Schäfer-Gümbel, dessen authentische Nachrichten so erfolgreich waren, für Aufsehen. In einem Blog wurde aufgedeckt, dass Schäfer-Gümbels Internet-Berater Oliver Zeisenberger eine Nachricht verschickt hatte. „Die Texte waren immer von mir, Zeisenberger hat sie nur technisch abgesetzt“, erklärt Schäfer-Gümbel. Grund dafür waren technische Schwierigkeiten mit seinem Nokia-Handy. Seit er ein Blackberry bekommen habe, gehe es besser.
„Ich twittere tatsächlich selbst, alles andere fände ich absurd“, sagt Kajo Wasserhövel, Wahlkampfmanager der SPD. Andere Politiker räumen Unterstützung durch ihre Mitarbeiter ein, denn für manche sind die Kurzbotschaften doch eine Umstellung. „Mein Büro entwickelt die Ideen und kürzt meine viel zu langen Sätze auf 140 Zeichen“, sagt Manfred Grund, einer der wenigen twitternden Bundestagsabgeordneten der CDU. „Ein Politiker, der den ganzen Tag twittert, kann sonst nichts zu tun haben“, sagt Otto Fricke von der FDP. Er twittere viel selbst. Termine aber werden von seinen Mitarbeitern angekündigt.
Politik-Beobachter Roggenkamp schätzt, dass etwa 70 Prozent der Inhalte von den Politkern selbst kommen. Doch auch wenn Twitter ein besonders authentisches Medium ist, sei das Selbsttippen nicht entscheidend, sagt Beckedahl. Auch bei Obama sei den meisten klar gewesen, dass er das meiste nicht persönlich schreibe. Wichtig ist, dass immer die Illusion erzeugt wird, dass es echt sein könnte.
Mit Twitter suggeriere man zudem, immer ansprechbar zu sein. „Doch der Dialog macht Arbeit“, warnt Roggenkamp. Trotzdem führe am Internet kein Weg vorbei, vor allem, wenn man Jungwähler erreichen möchte. Nur zu hoffen, dass sie auf spezielle Wahlkampfseiten kommen, ist ein Trugschluss. „Man muss die Leute im Internet dort erreichen, wo sie sich bewegen“, sagt Roggenkamp.
„Ich glaube, dass im Wahlkampf 2009 eine Trendwende eingeleitet wird“, sagt die FDP-Politikerin Gisela Piltz. Dass Internet spiele eine immer größere Rolle. So entscheidend wie in den USA wird es aber wohl noch nicht, das gilt noch mehr für Twitter.
„Durch Twitter wird sicher keine Wahl gewonnen“, sagt CDU-Politiker Grund. Und auch Markus Beckedahl ist der Ansicht, dass klassische Wahlkampfarenen weiter wichtiger sind, als Twitter: „Für die CDU ist es sinnvoller ins Bierzelt zu gehen, um ihre Wähler zu erreichen“.
Was ist Twitter?Mit dem Mikrobloggingdienst Twitter können die Nutzer per Computer oder Mobiltelefon Kurznachrichten, so genannte tweets verschicken, die maximal 140 Zeichen lang sind. Man kann auswählen, wessen Nachrichten man regelmässig in Echtzeit erhalten möchte und wird damit ein "follower" dieses Nutzers. Twitter erfreut sich enorm steigender Beliebtheit, den auch Prominente wie Al Gore oder Lance Armstrong nutzen. Der Reiz des Gezwitscher liegt darin, dass es von privaten Befindlichkeiten bis zu brandaktuellen Nachrichten reicht und nach eigenem Interesse zusammengestellt werden kann. |
Quelle: http://www.wiwo.de/politik/bratwurst-ich-komme-391640/
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